Laravin - Das Gebot der Göttin

Leseprobe Auszug aus Kapitel I

Laravin war blind vor Tränen. Wie konnte Jela einfach ihre gemeinsame Zukunft aufgeben? Wie konnte sie so einfach ihre Träume auslöschen? Weil es das Schicksal so von ihr wollte? Waren sie nicht eigenständige Elendeari? Hielten sie denn ihr Schicksal nicht selbst in den Händen?

Warum war Jela so einfach bereit? War die Liebe zu ihr doch nicht so stark? Die letzten neunzig Winter war Laravin stets ihrem Plan gefolgt. Sie hatte nicht im Geringsten irgendeinen Zweifel, dass sie nicht auf dem richtigen Weg wäre. Sie war eine Künstlerin, keine Schwertkämpferin. Die ‚Eine‘, die sie irgendwann ausbilden sollte, würde sich jemand anderen suchen müssen, von dem sie das Kämpfen lernen würde. Laravin hasste nichts so sehr wie Gewalt. Allein die Vorstellung, jemand anderen mit dem Schwert zu verletzen, verursachte ihr Übelkeit. Sie wollte sich den schönen Dingen des Lebens widmen. Die Harmonie von Jolahs Schöpfung festhalten und Kunstwerke schaffen, die weit über Lynar’ka hinaus bekannt waren. Sie wollte, dass Elfen, Elendeari, Zwerge und Menschen an den Hof Lynar’kas kamen, um ihre Kunstwerke zu bestaunen. Genauso wie es jeden Sommer dutzende Besucher für die Bilder ihrer Mutter taten. Jela würde sie als Königin willkommen heißen und Hand in Hand mit Laravin die Besucher herum-führen. Das war es, was sie wollte. Und bis eben dachte sie noch, dass dies auch Jelas Traum war. Aber wie es sich zeigte, war Laravin mit ihrem Traum allein. Jela wollte sich dem Schicksal fügen. Dann sollte sie doch!

Wütend wischte Laravin sich die Tränen aus dem Gesicht. Voller Zorn und Verletzung rannte sie die schmalen Stufen zu ihrer Behausung hinauf. Sie konnte nicht länger hierbleiben! Sie brauchte Abstand. Mit aller Kraft stieß sie die Tür zu ihrem kleinen Haus im Wipfel des Baumes auf und blickte sich um.

Der breite Tisch, der all ihre Farben und Pinsel beherbergte. Das Bett, welches fast die gesamte Rückseite in Beschlag nahm. Der kleine Waschstand, den sie selbst hier hochgeschleppt hatte, da Holz einfach nicht geeignet war, um genug Wasser zu speichern, um sich darin zu waschen. Und die kleine Truhe, die noch ihr Vater gebaut hatte, und die all ihre Sachen enthielt. Sie konnte nicht hierbleiben und ein stechender Schmerz fuhr in ihre Brust. Sie liebte ihr Zuhause. Der Frieden, den ihr der Eikenbaum gab, der auch ihren Raum und die Stufen geformt hatte, den würde sie vermissen. Doch sie konnte hier keine Ruhe mehr finden. Nicht in dem Wissen, dass Jela jemand anderen heiratete. Noch dazu Verondriel! Wieder stiegen Tränen der Wut und des Hasses auf. Wie konnte Jela auch nur daran denken, ihn zu heiraten? Nur, weil die Göttin das so wollte? Es brodelte in ihr. Oh, sie war so wütend! Schließlich konnte sie es nicht mehr in sich halten und sie schrie ihren Frust, ihren Kummer und ihr Leid hinaus. Wie gut das tat! Noch einmal füllte sie ihre Lungen und schrie. Plötzlich hörte sie hinter sich Schritte, die den Baum hinaufkamen. Ohne sich umzudrehen, ging sie hinüber zu ihrem Bett und warf sich hinauf. Den Kopf im weichen Kissen aus Moos vergraben, rief sie:

»Geh weg! Du hast alles gesagt, ich will nichts mehr hören.« Und das stimmte. Sie konnte Jelas Anblick im Moment nicht ertragen.

»Lara?«

Die Stimme ihrer Mutter ließ Laravin aufblicken. Als ihre Mutter ihr tränenüberströmtes Gesicht sah, erschrak sie, kam zu ihr herüber und setzte sich.

»Lara? Was ist passiert?«, fragte sie voller Sorge und strich Laravin über das Haar.

»Ach Ma!«

Laravin schluchzte auf und verbarg ihr Gesicht im Schoß ihrer Mutter. Min’auliel wartete geduldig, bis sich Laravin wieder etwas gefangen hatte. Sanft strich sie immer wieder über Laravins Rücken, wie sie es bei ihr schon als Kind getan hatte, wenn Laravin mal wieder einen Albtraum hatte. Langsam beruhigte sich Laravin und setzte sich schließlich schniefend auf.

»Jela will nicht mehr mit mir zusammen sein!«, platzte es schließlich aus ihr heraus. Wenn ihre Mutter überrascht war, dann verbarg sie es gut. Lediglich ihre Augen strahlten Mitgefühl aus.

»Liebt sie dich nicht mehr?«

Kurz stutzte Laravin. Hatte Jela gesagt, dass sie sie nicht mehr liebte?

»Nein, ich meine, ich weiß nicht. Es ist nur wegen des dummen Rituals! Sie sagt, ihr Schicksal liege nicht bei mir. Stattdessen müsste sie Verondriel und die Prinzessin aus Aerondal heiraten!«

Lara war mit jedem Satz lauter geworden. Der Ärger brannte mit ihr. Und plötzlich wurde ihr die Bedeutung des Gesagten bewusst. Wieder füllten Tränen ihre Augen.

»Es ist vorbei, Ma!«, flüsterte sie erschüttert. »Es ist wirklich vorbei. Neunzig Winter einfach weggewischt!«

»Lara, bist du nicht etwas ungerecht?«

»Ungerecht? Ich? Ich bin doch nicht diejenige, die unseren Traum aufgibt!«

»Ihr wart noch Kinder, Lara. Dinge ändern sich.«

»Nicht für mich«, widersprach Laravin entschieden. »Ich habe an unseren Traum geglaubt!«

»Das Ritual ist für jeden Elendeari bindend. Es tut–«

»Wer sagt das, Ma? Die Göttin? Wo steht das geschrieben?« Laravin blickte ihre Mutter herausfordernd an. »Wer sagt, dass es nicht jedem Elendeari freisteht, das eigene Schicksal zu wählen? Ich werde mich nicht dem Ritual beugen, Ma!«

»Lara, so sei doch vernünftig«, versuchte es Min’auliel, doch sie kam nicht weit.

»Nein, Ma! Ist es vernünftig, irgendeinem ›Vielleicht‹ zu folgen, das sich während des Rituals zeigt? Ich denke nicht. Ich werde meinen eigenen Weg gehen!«

Entschlossen stand sie auf.

»Ich muss hier weg, Ma. Ich brauche frische Luft. Ich kann nicht länger hierbleiben!«

Laravin blickte zu ihrer Mutter hinüber, die sie aufmerksam betrachtete. Den Sturm in ihrem Innern konnte Laravin nur zu deutlich in den Augen ihrer Mutter lesen. Min’auliel hatte sie stets unterstützt. Doch sie wusste auch, dass das Ritual für ihre Mutter, genau wie für jeden anderen Elendeari, etwas Heiliges war. Dass Laravin dem nicht folgen wollte, war sicher für sie schwer zu verstehen. Schließlich nickte Min’auliel.

»Vielleicht ist es wirklich gut für dich, wenn du etwas Abstand vom Hofe gewinnst. Es hilft dir sicher, deine Gedanken zu ordnen.«

Laravin war erleichtert. Bis eben hatte sie gar nicht gewusst, wie wichtig die Zustimmung ihrer Mutter für sie war. Auch wenn sie es nicht guthieß, dass sich Laravin gegen ihre Bestimmung stellte. Gerührt ergriff sie die Hände ihrer Mutter.

»Danke, Ma! Es bedeutet mir unendlich viel, zu wissen, dass du mich nicht für meine Entscheidung verurteilst.«

»Ich liebe dich, Lara!« Min’auliel stand auf und umarmte ihre Tochter. »Ich werde immer auf deiner Seite sein.«

Laravin ließ sich in die Umarmung sinken. Der Trost ihrer Mutter tat ihrer verletzten Seele und ihrem gebrochenen Herzen so unendlich gut. 

»Weißt du schon, wohin du gehst?«

Die Frage ihrer Mutter kam unerwartet, und sie löste sich aus der Umarmung. Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht! Hilfesuchend blickte sie ihre Mutter an. Die lächelte ihr aufmunternd zu.

»Du könntest zu deiner Cousine nach Flamr«, schlug sie vor. »Gretah’rin freut sich sicher, dich nach so langer Zeit einmal wiederzusehen. Ihr habt früher immer miteinander gespielt, weißt du noch?«

Laravin nickte. Sie erinnerte sich vage an ihre Cousine, aber sie wollte nicht nach Flamr. Ihre Zuflucht war der Wald, nicht das Flussland. Dort gab es zwar auch Bäume, aber die waren kein Vergleich zu den Wäldern Lynar’kas. Laravin schüttelte den Kopf.

»Das ist nicht das, was ich brauche, Ma. Ich möchte für mich allein sein und ich brauche den Wald um mich herum. Ich schätze, ich ziehe einfach los.«

Ihre Mutter nickte verständnisvoll.

»Dann soll es so sein.« 

 

 

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